DER FÜNFTE SCHRITT


Der Fünfte Schritt

Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.

Die im Fünften Schritt gegebene Empfehlung liest sich leichter, als sie zu bewerkstelligen ist. Wieder wird uns etwas angeraten, was uns zunächst ziemlich arg gegen den Strich geht.

Wir sollen mit einem anderen über uns reden und daraus Nutzen ziehen. Skepsis wird wach, Erinnerungen an die Trinkerzeit, in der wir oft enthemmt und unkontrolliert bereit waren, all unseren vorhandenen oder vermeintlichen Kummer anderen vorzulabern. Ob der andere das nun gerade hören wollte oder nicht, darauf nahmen wir keine Rücksicht. Diese wehmütigen, selbstzerfleischenden Geständnisse, die wir übertreibend abspielen ließen und wiederholten wie eine Schallplatte, die in einer Rille hängt, haben nie den erwarteten Erfolg gehabt. Am Ende eines solchen Gespräches waren wir einsamer als vorher. Traurig und weinerlich saßen wir vor dem nächsten Glas.

Befreiung aus der Isolation

Der trinkende Alkoholiker wird mit Fortschreiten seiner Krankheit einsamer. Je mehr er sich dem Tiefpunkt nähert, umso mehr ist er allein. Auf fortgesetztem Rückzug in das Schneckenhaus der Isolation gibt es noch gelegentliches, aber immer schwächer werdendes Aufbäumen. Selbst wenn der Alkoholiker hin und wieder noch am Stammtisch aufgeduldet wird, selbst wenn er manchmal noch beim Kartenspiel mitmachen darf, im Grunde haben sich die anderen von ihm distanziert. Sie trinken zwar alle auch gern und häufig, aber nicht so wie der oder die da. Das schlechte Gewissen derer, die auch trinken, sucht sich in dem seinen Sündenbock, für den der Alkohol zum echten Problem geworden ist. Auf diesen kann man verächtlich herabschauen, mit ihm kann man sein Gewissen beruhigen: "So weit wie der bin ich ja Gott sei Dank noch nicht".

Dieser feindlichen Haltung der Umwelt kann der Alkoholiker keinen Widerstand mehr entgegensetzen. Er resigniert und zieht sich zurück. Er ist allein, auch wenn man ihm mit konventionellen Freundlichkeitsfloskeln begegnet und ihn manchmal auf Partys mit herumstehen lässt. Vielleicht ahnt er bei solchem Anlass das Ausmaß seiner Einsamkeit, wenn bei einem seiner Scherze dem anderen das bis dahin gnädige Lächeln zur Grimasse erstarrt. In lichten Augenblicken wird er auch bei der häuslichen Feier die ihm angediehene Sonderbehandlung spüren, wenn er- vorzeitig zu Bett gebracht - nach dem Ausschlafen der Rauschphase hört, dass die anderen immer noch feiern.

Zum Leidensweg des Alkoholikers im Verlauf seiner Krankheit gehört neben der zunehmenden Isolierung auch die wachsende Abhängigkeit. Mehr und mehr entgleiten ihm früher wahrgenommene Aufgaben. Von Tag zu Tag steckt er die Grenzpfähle seines Einflussbereiches mehr zurück. Der oder die andere übernimmt seine Pflichten. Der Partner erledigt die Behördengänge, fährt das Auto, erzieht die Kinder, geht in die Elternsprechstunde, führt Haushaltskasse und Bankkonten, macht die Kleinreparaturen im Haushalt, schreibt alle Briefe, geht allein, wenn eigentlich beide eingeladen waren. Der Alkoholiker ist unmündig geworden.

Und jetzt bei den Anonymen Alkoholikern ist er eingeladen und aufgefordert zu sprechen. Da sind welche, die ihm zuhören wollen, die ihn ernst nehmen, die sich freuen, wenn er spricht. Da sind Freunde, die ihm nicht ins Wort fallen, die nicht abschätzig und herablassend grinsen, wenn er zweimal dasselbe sagt, wenn er mit einem langen Satz nicht recht zu Rande kommt oder ein Fremdwort falsch ausspricht. Bei den Anonymen Alkoholikern darf er den Mund aufmachen; er ist gleichberechtigt; er ist im wahrsten Sinne des Wortes wieder mündig.

Jetzt ist er auch nicht mehr einsam. Für viele Alkoholiker zählt es zu den beglückendsten Augenblicken, wenn sie zum ersten Mal in dieser Gemeinschaft spüren, dass sie dazugehören. In den Anfangswochen schwindet die Skepsis des in der Isolation scheu gewordenen Alkoholikers. Von Meeting zu Meeting wächst das Staunen über die vorbehaltlose Aufnahme- und Annahmebereitschaft, die man ihm entgegenbringt. Hoffnung wächst, wenn er hört, dass andere Ähnliches erlebt und einen Ausweg gefunden haben. Es sind die Wochen, in denen der Neue überwiegend zuhört, in denen er zweifelt, fragt und hofft. Denn nur, wenn er nicht mehr trinken will und seine Hoffnung und seinen Glauben in die Kraft dieser Gemeinschaft setzt, wenn er dazu vorbehaltlose Bereitschaft mitbringt, wird er aus der Kraft dieser Gemeinschaft für sich Nutzen ziehen können.

Aber diese Anfangswochen liegen hinter uns. Wir sind beim Fünften Schritt. Auf dem Tiefpunkt unseres Leidens haben wir im Ersten Schritt unsere Machtlosigkeit gegenüber dem Alkohol zugegeben. Wir haben erkannt, dass wir mit eigener Kraft nicht aus diesem Sumpf herauskommen würden. Wir haben erkannt, dass es dazu einer größeren Macht bedarf. Das hat uns zum Ablegen unserer Großmäuligkeit veranlasst. Bescheidener geworden, spürten wir voll Dankbarkeit erste Aufwärtsentwicklungen in unserem nun völlig anderen Leben. Aus der Gewissheit, dies nicht allein erreicht zu haben, erkannten wir den zupackenden Eingriff einer Höheren Macht in unser Leben. Denjenigen, der so beglückend in unser Leben eingegriffen, der das Steuer herumgerissen hatte, waren wir bereit, fortan als Partner in unserem Leben zu akzeptieren. Diesem Gott, wie wir ihn verstehen, wie jeder einzelne von uns ihn versteht, vertrauten wir im Dritten Schritt unseren Willen und unser Leben an.

Zum Vierten Schritt objektiver Selbsteinschätzung sind wir in uns gegangen; wir haben uns irgendwohin zurückgezogen, um in Ruhe Inventur zu machen. All das aber haben wir weitgehend allein gemacht. Unter diesem Gesichtspunkt beginnt mit dem Fünften Schritt ein neuer Abschnitt im A.A.-Programm und damit in unserer Entwicklung. Erstmals legt man uns nahe, andere aktiv in diesen Prozess mit einzuschalten. Und darin liegt die Schwierigkeit dieses Schrittes. Es wird uns etwas empfohlen, wogegen wir uns - wie eingangs gesagt - zunächst sträuben. Warum sollen wir eigentlich mit einem anderen über uns sprechen?

Geständnis und Freispruch

Nach der Inventur des Vierten Schrittes wissen wir ziemlich genau über uns Bescheid. Aber kaum haben wir den Bretterverschlag vor dem Keller unserer inneren Unordnung aufgebrochen, so meldet sich in uns der Gedanke, es dabei bewenden zu lassen. Es ist natürlich bequemer zu sagen: "Das war ja alles gestern" und damit zur Tagesordnung überzugehen. Im Höchstfall suchen wir uns ein paar von diesen grauenvoll munteren Anekdoten heraus, um endlich im Meeting auch mal schön eine Lebensgeschichte erzählen zu können.

So kann man verfahren; man hat aber dafür eigentlich nicht die Inventur des Vierten Schrittes gemacht. Mit dem Erzählen einiger Episoden aus der Trinkerzeit ist nicht das vollzogen, was im Fünften Schritt empfohlen wird. In der Rumpelkammer unserer inneren Unordnung lagern nämlich nicht nur die Kapitel unserer Lebensgeschichte, die sich im Meeting so flüssig erzählen lassen. Da sind auch Dinge, die man am liebsten für sich behalten möchte. Da gibt es möglicherweise unter Alkoholeinfluss begangene Taten, die außerhalb der Gesetze liegen; es gibt Abschnitte oder Ereignisse, deren man sich schämt.

Da muss aus- und aufgeräumt werden. Wenn in der Trinkerzeit Unehrlichkeit zur Grundhaltung geworden ist, wenn uns die Sucht unlauter gemacht hat und wir mal aus der Spardose der Kinder, mal aus dem Schnapsregal des Supermarktes gestohlen haben, dann können wir darüber ebenso wenig den Mantel des Vergessens breiten wie über die Entgleisungen und Egoismen im sexuellen Bereich. Wir können vorgefundene, klar erkannte Schuld nicht in uns hineinfressen. Wer sich entschließen würde, mit solchem Ballast weiterzuleben, würde davon unweigerlich zurückgezogen werden in die Sucht und bald wieder trinken. Was aber ausgesprochen ist, kann drinnen nicht mehr krank machen.

Deshalb nämlich sagen uns erfahrene A.A.-Freunde immer wieder, dass es nicht damit getan ist, das Glas wegzustellen, das zu einem Leben in zufriedener Nüchternheit mehr gehört. Wenn uns im Vierten und im Fünften Schritt empfohlen wird, klar Schiff zu machen, dann genügt dazu nicht ein verschwommenes Ahnen und halbherziges Eingeständnis, dass einiges früher nicht in Ordnung war. Wer Fehlhaltungen erkennt, sie für Augenblicke aus der Tiefe des Unterbewusst-Seins hervorholt und sofort wieder zurückgleiten lässt, geht den bequemen und verhängnisvollen Weg, seine eigenen Fehler zu verdrängen. Weil sie ihn dennoch irgendwie verschwommen bedrücken, wird er sie immer sofort hellwach bei anderen entdecken und dann besonders empfindlich und unnachsichtig reagieren. Er verhält sich dann so, wie die vom eigenen schlechten Gewissen geplagte Gesellschaft dem Alkoholiker gegenüber auftritt.

Es genügt demnach nicht, die Unordnung in uns entdeckt zu haben, wir müssen auch Ordnung schaffen. Und da lehrt nun einmal eine alte Erfahrung, dass zum Erkennen am zweckmäßigsten auch das Bekennen kommen sollte. Jeder von uns hat schon gemerkt, dass ein Problem oft halb gelöst ist, wenn man erst einmal mit einem anderen darüber gesprochen hat. Diese befreiende, erlösende Wirkung des Gesprächs soll unsere Inventur nutzbringend vervollständigen. Ohne dass wir in dem Gesprächspartner einen Richter sehen, weil ihm diese Funktion nicht zukommt, werden wir spüren, dass unser Geständnis dennoch mit einem Freispruch endet, weil wir uns selbst freigesprochen haben. Dabei ahnen wir, dass uns vergeben werden kann; was eine Erfahrung ist, die uns selbst befähigt, anderen zu verzeihen. Die Erkenntnis, dass das Eingeständnis von Fehlhaltungen frei macht, ist älter als die Anonymen Alkoholiker. Man denke daran, dass es im konfessionellen Bereich Beichten gibt, dass die Wartezimmer von Psychotherapeuten voll sind von Leuten, die dort auf die Couch wollen, um sich alles von der Seele zu reden.

Wer ist "der andere"?

Im Fünften Schritt heißt es nun, dass wir Gott gegenüber unsere Fehler unverhüllt zugeben sollen. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, nachdem jeder von uns etwa ab dem Dritten Schritt bereit war, denjenigen, der ihm aus der Suchtverstrickung geholfen hat, als Partner in sein Leben hineinzunehmen. Bei vorausgegangenen Betrachtungen über den "Gott, so wie wir ihn verstehen", war die Rede davon, dass sich diese "Macht, größer als wir selbst" mannigfach offenbaren kann. Die Schlüssel-Erlebnisse, das heißt die Augenblicke, in denen das Verständnis und die Erkenntnis eines jeden für Gott, wie er ihn versteht, aufgeschlossen worden ist, sind sehr unterschiedlicher Art. Vielen von uns ist Gott in einem anderen Menschen begegnet, in dessen Güte, Liebe, Verständnis, in dessen Strenge oder Langmut, in dessen Verzeihen. Aus dieser Sicht betrachtet, empfiehlt uns der Fünfte Schritt keine Dreiteilung des Geständnisses. Indem wir nämlich aufrichtig und unverhüllt "einem anderen Menschen gegenüber" unsere Fehler eingestehen, legen wir dieses Geständnis auch vor dem Gott, so wie wir ihn verstehen, und vor uns selbst ab.

Machen wir also einen anderen Menschen zu seiner und unserer Vertrauensperson. Wen sollen wir dafür auswählen? Nun, auch dafür gibt es in A.A. keine festen Regeln. Überlieferte Erfahrungen zum Fünften Schritt empfehlen, dass man sich den Gesprächspartner innerhalb der Gemeinschaft suchen sollte. Dabei hätte die Wahl am zweckmäßigsten auf jemanden zu fallen, der schon einigen Abstand zu seiner Trinkerzeit gewonnen hat. Es sollte möglichst jemand sein, der nicht selbst bis über den Hals in eigenen Problemen steckt.

An dieser Stelle soll keine der Möglichkeiten, den Fünften Schritt zu vollziehen, einem Werturteil unterzogen werden. Es seien nur einige Möglichkeiten aufgezeigt.

Die Auswahl eines A.A.-Freundes mit einigen vierundzwanzig Stunden Trockenheit bietet den Vorteil, dass man auf grundsätzliches Verständnis stößt, zumindest was die eigentliche Sucht und die damit verbundenen Exzesse betrifft. Bei der Auswahl eines A.A.-Freundes als Gesprächspartner sollte man das voraussetzen, was andere zur Entscheidung für den Arzt oder den Geistlichen Anlass gibt: Verschwiegenheit. Nicht ganz im Sinne des Fünften Schrittes ist es möglicherweise, wenn jemand als den dort empfohlenen "anderen Menschen" seinen Partner nimmt, "weil der ja ohnehin alles weiß". Denn der Fünfte Schritt meint sicher, dass wir uns überwinden sollten und einem uns relativ fern stehenden Menschen über unsere Vergangenheit erzählen sollten.

Beim Spaziergang

Möglich ist es auch, das Geständnis aufzustückeln, das heißt Einzelaspekte verschiedenen Personen anzuvertrauen. Das aber hat ein bisschen den Geruch von Stückwerk an sich. Die , Gefahr liegt darin, dass man einiges mit dem Arzt, anderes mit dem Partner, wieder anderes mit dem Priester, dem Sponsor oder mit irgendjemandem bespricht, dass man einiges in der Gruppe erzählt und den Rest dann doch für sich behält.

Wenn diese Schrift Anregungen zu den einzelnen Schritten enthält, so sei hier die Empfehlung erlaubt, auch diesen Teil des Programms bewusst und gezielt zu vollziehen. Wie wäre es beispielsweise, wenn man sich mit dem A.A.-Freund, der | Vertrauen verdient, zu einem Spaziergang verabredet? Dabei lässt es sich gut reden.

Diese Art, den Fünften Schritt zu machen, ist sicherlich wirkungsvoller als tröpfchenweise Geständnisse immer auf der Heimfahrt nach dem Meeting. Sicher kann man es auch so machen und eines Tages dabei feststellen, dass damit der i Fünfte Schritt eigentlich erledigt ist. Aber wir wollten es uns doch nicht mehr so bequem machen und uns um die Dinge herummogeln.

Vertauschte Rollen

Wer sich zum Fünften Schritt entschließt, braucht dazu keinen großen Anlauf zu nehmen. Es ist auch völlig unnötig, zu der Verabredung mit dem Freund des Vertrauens ein Büßerhemd anzuziehen. Das Gespräch vollzieht sich unter Partnern, unpathetisch, ohne extreme Wallungen von Zerknirschtheit oder Großsprecherei. Es müssen dabei keine Tränen fließen; wer aber dennoch in der Rückerinnerung feuchte Augen bekommt, braucht sich dessen nicht zu schämen.

In die Rolle des "anderen Menschen", von dem im Fünften Schritt die Rede ist, können wir alle einmal kommen. Kaum jemand von uns wird den Freund abweisen, der mit ihm sprechen will. Es ist ein großer Vertrauensbeweis, der uns damit entgegengebracht wird. Allgemeine menschliche Anständigkeit und erst recht die Traditionen der Anonymen Alkoholiker machen es selbstverständlich, dass man dieses Vertrauen rechtfertigt durch absolute Verschwiegenheit. Man muss schweigen können, wenn man diese Rolle übernimmt. Wer seine Geschwätzigkeit aus der Trinkerzeit noch nicht abgelegt hat, soll nein sagen, wenn sich ihm ein A.A.-Freund anvertrauen will.

Schweigen können aber muss man auch schon während des Gesprächs. Der andere will und hat etwas zu sagen. Die Tugend des Zuhörenkönnens, durch Übungen der Toleranz und im Meeting geschult, kommt hier zum Tragen. Nur gelegentlich wird es notwendig und passend sein, den Gesprächspartner durch kurze Einwürfe, durch das Einflechten eigener Erfahrungen zum Weitersprechen zu ermuntern, ihm Mut, Hoffnung, Trost und Kraft zu vermitteln.

A.A. hat keine Posten und Ämter zu vergeben. Die große, ehrenhafte und verantwortungsvolle Aufgabe, die jemandem in dieser Gemeinschaft zufallen kann, ist die des Gesprächspartners für einen Freund, der den Fünften Schritt vollziehen will.

Denn schon mancher Anonyme Alkoholiker hat im Fünften Schritt zu seinem Gott gefunden.

 

Unser Weg
Herausgegeben und ©: Anonyme Alkoholiker deutscher Sprache
6. Auflage 28.-32. Tausend
Druck: R. Oldenbourg, Graphische Betriebe GmbH, Heimstetten bei München
Printed in Germany