DER ERSTE SCHRITT


Der Erste Schritt

Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind - und unser Leben nicht mehr meistern konnten.

Der Erste Schritt im Programm der Anonymen Alkoholiker ist wirklich der erste Schritt. Er steht am Anfang dessen, was wir später unser neues Leben nennen werden. Diesen ersten Schritt durch die Eingangstür in das neue Leben müssen wir als erstes tun. Da führt kein Weg vorbei, da gibt es kein Drumherum-Mogeln.

Die anderen Schritte im A.A.-Programm sind zwar auch nummeriert, aber hier ist die Reihenfolge nicht mehr so verbindlich. Manche machen die im Zehnten Schritt empfohlene tägliche Gewissenserforschung schon bald, noch bevor sie in den Schritten zwei bis neun nennenswert vorangekommen sind.

"Wir haben zugegeben",

heißt es dort. Und noch bevor wir weiterlesen, was wir zugeben sollen, lohnt es sich, bei diesem ersten Halbsatz einen Augenblick lang zu verweilen. "Wir" - das sind wohl diejenigen, die uns dieses Programm aufgeschrieben haben. Sie hießen Bill und Bob. Deren Vornamen kennen wir, sie haben den Grundstein für die weltweite A.A.-Gemeinschaft gelegt. Die anderen "Wir" hießen vielleicht John und Dave, Alice oder Betty. Es waren Amerikaner, die gegen Ende der dreißiger Jahre durchweg auf lange Trinkerzeiten und weniger lange Zeiten der Nüchternheit zurückschauen konnten. Im Ringen gegen den sie übermächtig beherrschenden Alkohol hatten sie die Erfahrung gemacht, dass dieser Kampf gemeinsam erfolgreicher zu führen ist.

Deshalb also als erstes Wort im Ersten Schritt: "Wir". Als nun Bill, Bob, Jenny, John und Co. einige Zeit ohne Alkohol hinter sich gebracht hatten und immer mehr Alkoholiker zu der Gruppe gestoßen waren, standen sie nicht wenig erstaunt vor dem, was aus ihnen geworden war. In Gedanken gingen sie den Weg ihrer Entwicklung rückwärts und kamen zu dem Ausgangspunkt. "Wie war das eigentlich, womit hat es angefangen", fragten sie sich.

Und da brauchten sie nicht lange überlegen. Waren auch die Wege der Entwicklung nicht einheitlich verlaufen, den ersten Schritt hatten sie alle gemeinsam gemacht: Wir haben zugegeben, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos waren. Und weil sie inzwischen in der Gemeinschaft Erfahrungen gesammelt hatten, weil sie auch die Rückfälle von Freunden miterlebt hatten, verbesserten sie ihre Erkenntnis: ..., dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind.

Schon die Pioniere der A.A.-Gemeinschaft nämlich wussten, dass die Machtlosigkeit gegenüber dem Alkohol ein bleibender Zustand ist. Daran ändert auch nichts die Tatsache, dass man den übermächtigen Alkohol für den heutigen Tag unter Kontrolle hat.

Die Gruppe

Aber zurück zu dem ersten Wort des ersten Schrittes: "Wir". Dieses Wir oder der Begriff der Gruppe zieht sich wie ein roter Faden durch das Programm und durch die Traditionen des Anonymen Alkoholikers. Man könnte jetzt an dieser Stelle einen Soziologen zu Wort kommen lassen, der einen klugen Aufsatz über die Dynamik der Gruppe als selbsttherapeutische Hilfsgemeinschaft schreiben würde. Bleiben wir aber lieber bei der Praxis, denn die Anonymen Alkoholiker sind Praktiker, wenngleich das, was sie aus Notwendigkeit und Erfahrung ohne theoretischen Unterbau einfach praktiziert haben, inzwischen längst auch bei den Leuten Anerkennung gefunden hat, die an eine solche Sache wissenschaftlich-theoretisch herangehen.

Und diese Praxis sieht ganz schlicht so aus: Die Amerikaner Bill und Bob, zwei hoffnungslose Trinker, haben eines Tages gemerkt, dass sie, solange sie sich gemeinsam mit ihrem Problem befassten, nicht den Drang hatten, weiterzutrinken. Die verblüffende Erfahrung, dass zwei Trinker sich gegenseitig zur Nüchternheit verhelfen können, ist die Grundlage der weltweiten A.A.-Gemeinschaft geworden. Auch wenn bei A.A. alles sehr offen und scheinbar ungeregelt verläuft, eines der wenigen Dinge, die schriftlich festgehalten und dringend empfohlen sind, ist die Funktion der Gruppe als die einer maßgebenden Autorität in unserer Gemeinschaft.

Es mag zunächst wie ein Widerspruch klingen, wenn es heißt, dass es für Dich und mich zuerst und vor allem um die persönliche Nüchternheit an diesem heutigen Tag geht und dass andererseits die Gruppe eine so herausragende Rolle spielt. Auf diesen scheinbaren Widerspruch wird in späteren Kapiteln dieses Buches, in denen es um die Gruppe, die Anonymität und deren Bedeutung geht, noch zurückzukommen sein. Hier nur soviel: Das oberste Ziel der persönlichen Nüchternheit des einzelnen ist aus der Erfahrung heraus leichter erreichbar, wenn er persönlich zurücksteckt, wenn er das Ich zurücknimmt, wenn er die Funktionsfähigkeit der Gruppe mit dadurch unterstützt, dass er bis hin in die persönliche Anonymität aufhört, sich selbst besonders wichtig zu nehmen.

Auf dem Tiefpunkt

Der Erste Schritt empfiehlt uns, etwas zuzugeben. Das ist ziemlich viel verlangt, schon ganz allgemein betrachtet. Wer gibt schon gern etwas zu? Einen Irrtum, einen Fehler, eine Schwäche. Der Alkoholiker, der über Jahre hin an einem völlig verzeichneten Bild von sich selbst gemalt und daran geglaubt hat, tut sich noch schwerer, ein Fehlverhalten oder gar eine Unfähigkeit einzugestehen. Sein Sträuben gegen die Erkenntnis, Alkoholiker zu sein, wird verständlich, ahnt er doch, dass ihm dieses Geständnis als Konsequenz den Alkohol wegnehmen würde. Deshalb findet er tausend Beschwichtigungen, Beschönigungen und Verharmlosungen; er verweist auf hundert seiner Bekannten, die ja auch trinken; er führt ein paar zufälliger Trockenheit als Beweis dafür an, dass auch er den Alkohol unter Kontrolle halten kann. Und er trinkt weiter; trinkt weiter bis an einen Punkt, an dem es nicht mehr weiter geht.

Dieser Tiefpunkt mit dem Heraufdämmern der Erkenntnis, dass ein Weiterleben in der bisherigen Form nicht mehr möglich ist, stellt sich im Leben der Alkoholiker unterschiedlich dar. Bei dem einen ist es der körperliche Ruin, ist es der greifbar nahe gerückte Tod; bei dem anderen sind es überhandnehmende Schwierigkeiten im Beruf, sind es Kündigungen, anhaltende Arbeitslosigkeit; bei einem dritten sind es die zum Bersten angespannten zwischenmenschlichen Kontakte, sind es zerbrochene Familien, weggelaufene Ehepartner. Bei anderen dämmert es, wenn sie in einer psychiatrischen Klinik, in einer Ausnüchterungszelle oder im Gefängnis aufwachen. Es ist die allerbitterste Erfahrung im Leben des Alkoholikers und in der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker, dass der Neu-Ansatz des Denkens, dass das Umdenken fast immer erst an einem solchen Tiefpunkt einsetzt. Die vorher schon einmal erwähnten Theoretiker der Sucht-Therapie sprechen davon, dass ohne Leidensdruck kaum jemand zur Abstinenz zu motivieren ist. Etwas banaler ausgedrückt heißt das: Dem Alkoholiker muss es offensichtlich erst ganz, ganz dreckig gehen, ehe er einsieht, dass er trinkend nicht weiterleben kann.

Dabei erlebt jeder seinen eigenen Tiefpunkt. Glück hat dabei derjenige, der vielleicht im Vorausahnen erkennt, wohin die

Reise führt, und der deshalb schon einige Stationen vorher aussteigt, ehe die Talfahrt zu Ende ist. Erfahrungsgemäß gelingt dies nur wenigen; oft solchen, die in der Begegnung mit den Anonymen Alkoholikern aus Lebensberichten anderer das volle Elend erfahren und dabei für sich persönlich zu der Erkenntnis gelangen, dass es mit ihnen nicht erst so weit kommen muss.

Der Kontrollverlust

Wir haben zugegeben, heißt es im Ersten Schritt. Grammatikalisch gesehen ist das eine aktive Aussage. Wäre es in vielen Fällen nicht treffender, dafür das Passiv, die Leideform, zu wählen? - Ist den meisten von uns nicht diese Erkenntnis, diese Einsicht, geradezu aufgezwungen worden? - Aber wie dem auch sei: Feststeht, dass wir jetzt wissen, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind. Reichlich spät ist uns dies ins kaum noch vorhandene Bewusstsein gekommen. Aber immerhin hat der verbliebene Verstand noch ausgereicht, dass wir auf dem Tiefpunkt unsere Machtlosigkeit dem Alkohol gegenüber zugegeben haben.

Warum eigentlich?, fragt an dieser Stelle der Skeptiker und fängt mit dem Argumentieren von vom an: Gut, zugegeben, ich habe viel getrunken, ich hatte die Kontrolle über Trinkmenge, über Zeit, Geld, Versprechungen und Verpflichtungen zeitweise völlig verloren. Aber jetzt, sagt derjenige, dem einige Tage der Trockenheit schon wieder vermeintliche Sicherheit geben, ist das alles ganz anders. Die kurze Trockenzeit hat diesen Freund körperlich wieder halbwegs fit gemacht, auch der Denkapparat funktioniert wieder einigermaßen. Er hält sich jetzt für einen vernünftigen Menschen und glaubt, wie andere vernünftige Menschen kontrolliert trinken zu können.

Dieser Freund hat den ersten Schritt nicht vollständig vollzogen. Er hat zwar möglicherweise dazu angesetzt, den Fuß hochgehoben, dann aber diesen Schritt doch nicht vollständig ausgeführt. Auf seine Ausflüchte können die Anonymen

Alkoholiker mit tausendfach leidvoll erlebter und beobachteter Erfahrung antworten. Auch diese Erfahrung ist inzwischen längst wissenschaftlich abgestützt und bestätigt. Sie heißt: Der Alkoholiker kann niemals mehr kontrolliert trinken. Das eigentliche Merkmal dieser Krankheit ist nämlich der Kontrollverlust. - Wer das nicht glauben will, erinnere sich bitte an die Gedächtnislücken, an die sogenannten Filmrisse.

Und da es sich um eine unheilbare Krankheit handelt, bleibt dieses Symptom demjenigen, der diese Krankheit hat. Damit nun niemand sagt, dies sei eine A.A.-Marotte, kann man an die Urteile des deutschen Bundessozialgerichtes erinnern. In diesen Urteilen, in denen der Alkoholismus ausdrücklich als Krankheit im Sinne der Reichsversicherungsordnung festgestellt wird, ist der bleibende Kontrollverlust als das entscheidende Symptom dieser Krankheit herausgestellt.

Kapitulation

Es bleibt also dabei, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind. Dieser lapidaren Feststellung im Ersten Schritt schließt sich eine weitere Erkenntnis an: Wir haben auch zugegeben, dass wir unser Leben nicht mehr meistern konnten. Nun, dieses zweite Eingeständnis ist die Konsequenz aus dem ersten, es geht aber noch ein Stück weiter als die im ersten Halbsatz empfohlene Kapitulation. Mit dem zweiten Teil des Eingeständnisses wird die Kapitulation vollständig. Wir wissen, dass wir mit dem Alkohol nicht weiterleben können, wir wissen aber auch, dass wir allein aus diesem Teufelskreis nicht herauskommen.

Der zweite Teil dessen, was wir im Ersten Schritt zugeben sollen, lässt allerdings vieles offen. Es heißt da nur, dass wir unser Leben nicht mehr meistern können. Es muss sich also etwas verändern, es muss also jemand oder etwas Neues in unser Leben treten. Dieser zweite Teil des Ersten Schritts ist eigentlich eine Frage; die Antwort bleibt noch offen. Dieser Satzteil leitet über zu den nächsten Schritten, zu den weiteren Empfehlungen im Programm der Anonymen Alkoholiker.

Das Ende des Ersten Schrittes sieht uns also am Boden liegen, ohnmächtig und hilfesuchend die Hand ausstreckend. Wir wissen nur, dass jemand nach dieser ausgestreckten Hand greifen muss, um uns aus dem Sumpf unseres Elends herauszuziehen. Wir uns von der anderen Seite jetzt bei der Hand nimmt, das steht im Zweiten Schritt.

Unser Weg
Herausgegeben und ©: Anonyme Alkoholiker deutscher Sprache
6. Auflage 28.-32. Tausend
Druck: R. Oldenbourg, Graphische Betriebe GmbH, Heimstetten bei München
Printed in Germany

Zur Verfügung gestellt: AA-One